Hans Radtke
7 Minuten Lesezeit
25 Feb
25Feb

Handelskonflikte, Sanktionsregime, militärische Eskalationen und ein wachsender Protektionismus weltweit -- die geopolitische Landschaft hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Für Banken sind die Auswirkungen längst keine abstrakten Szenarien mehr, sondern schlagen sich konkret in steigenden NPL-Quoten, zunehmenden Unternehmensinsolvenzen und einer wachsenden Unsicherheit in der Kreditvergabe nieder.

BaFin-Präsident Mark Branson brachte es Anfang 2026 auf den Punkt: Geopolitische Konflikte und wachsender Protektionismus wirken sich auf fast alle Risikoarten aus. Die Frage für Kreditinstitute lautet daher nicht mehr ob, sondern wie sie geopolitische Risiken systematisch in ihr Kreditrisikomanagement integrieren.

Die neue Realität: Geopolitik als Kreditrisikotreiber

Geopolitische Risiken sind keine eigenständige Risikokategorie im klassischen Sinne. Sie wirken als Querschnittsrisiko, das sich über verschiedene Kanäle auf ein Kreditportfolio auswirkt: über die Realwirtschaft, über die Finanzmärkte und über die operativen Rahmenbedingungen der Kreditnehmer.

Die Mechanismen sind dabei vielfältig. Zölle und Handelsbarrieren verteuern Vorprodukte und schmälern Exportmargen. Sanktionen unterbrechen etablierte Lieferketten und Zahlungsströme. Energiepreis-Schocks erhöhen die Produktionskosten ganzer Branchen. Und geopolitische Unsicherheit allein reicht bereits aus, um Investitionsentscheidungen von Unternehmen zu verzögern oder ganz zu stoppen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Deutschland lagen die beantragten Regelinsolvenzen von Januar bis Oktober 2025 bei über 20.000 -- der höchste Wert seit 2014 und ein Anstieg von 37 Prozent gegenüber 2023. Der Anteil notleidender Kredite bei Gewerbeimmobilien stieg bei bedeutenden Instituten auf 6,4 Prozent, und die Summe notleidender Gewerbeimmobilienkredite hat sich seit Anfang 2023 von rund 6 Milliarden Euro auf etwa 19 Milliarden Euro mehr als verdreifacht.

Welche Branchen und Portfolios sind besonders betroffen?

Nicht alle Kreditnehmer sind gleichermaßen exponiert. Besonders verwundbar sind Branchen mit hoher Exportabhängigkeit und tiefer Integration in globale Lieferketten:

Der Automobilbau leidet unter Zöllen, verschärftem Wettbewerb aus China und dem gleichzeitigen Transformationsdruck hin zur Elektromobilität. Die Chemie- und Pharmaindustrie ist abhängig von internationalen Rohstoffströmen und Energiepreisen. Der Maschinenbau, traditionell das Rückgrat des deutschen Exports, sieht sich mit protektionistischen Maßnahmen auf wichtigen Absatzmärkten konfrontiert. Und im Bereich der Gewerbeimmobilien treffen steigende Zinsen, veränderte Nutzungskonzepte und eine schwache Konjunktur aufeinander -- allein 2025 und 2026 stehen Anschlussfinanzierungen für Gewerbeimmobilienkredite im Volumen von rund 100 Milliarden Euro an.

Hinzu kommen Konzentrationsrisiken: Kreditportfolios mit starker regionaler Abhängigkeit -- etwa von Osteuropa, dem Nahen Osten oder China -- erfordern eine differenziertere Risikobetrachtung als in den vergangenen Dekaden der Globalisierung.

Die aufsichtliche Perspektive: EZB-Reverse-Stresstest 2026

Die europäische Bankenaufsicht hat reagiert. In einem bemerkenswerten Schritt hat die EZB für 2026 einen thematischen Reverse-Stresstest zu geopolitischen Risiken angekündigt, der 110 direkt beaufsichtigte Banken umfasst.

Anders als bei klassischen Stresstests, bei denen ein vorgegebenes Szenario durchgerechnet wird, müssen die Banken hier den umgekehrten Weg gehen: Sie sollen identifizieren, welche geopolitischen Ereignisse zu einem CET1-Kapitalverlust von mindestens 300 Basispunkten führen könnten. Das zwingt jedes Institut dazu, seine spezifischen Verwundbarkeiten zu durchdenken -- und zwar über den gesamten Dreijahreshorizont.

Die EZB betrachtet dabei nicht nur die klassischen Kreditrisiko-Auswirkungen über gestresste Ausfallwahrscheinlichkeiten (PD) und Verlustquoten (LGD), sondern bezieht auch die Effekte auf Handelsportfolios, Profitabilität, Funding, Liquidität und operationelle Risiken ein. Die Ergebnisse werden im Sommer 2026 erwartet und fließen qualitativ in den SREP-Prozess ein.

Parallel dazu hat die BaFin geopolitische Umbrüche als einen von sechs Fokusrisiken für 2026 definiert und erwartet, dass die Institute ihre Fähigkeit verbessern, geopolitische Risiken in ihre Risikomaterialitätsbewertung, ihr Stresstesting und ihre Risikodatenaggregation zu integrieren.

Was Banken jetzt konkret tun sollten

Die aufsichtlichen Anforderungen sind klar. Aber auch jenseits regulatorischer Pflichten gibt es gute Gründe, das eigene Kreditrisikomanagement geopolitisch zu schärfen. Fünf Handlungsfelder stehen dabei im Vordergrund:

Erstens: Geopolitische Szenarien entwickeln und institutionalisieren. Die meisten Banken arbeiten noch mit makroökonomischen Szenarien, die geopolitische Risiken bestenfalls implizit abbilden. Was fehlt, sind dedizierte geopolitische Szenarien -- etwa ein Eskalationsszenario im Südchinesischen Meer, ein erneuter Energieschock durch den Nahostkonflikt oder eine Verschärfung des transatlantischen Handelskonflikts -- die explizit auf die Kreditportfolios heruntergebrochen werden.

Zweitens: Sektorale Vulnerabilitätsanalysen durchführen. Welche Branchen im eigenen Portfolio sind besonders exponiert? Wo bestehen Abhängigkeiten von bestimmten Ländern oder Handelsrouten? Eine systematische Vulnerabilitätsanalyse auf Sektorebene schafft Transparenz und ermöglicht eine gezielte Steuerung.

Drittens: Konzentrationsrisiken aktiv managen. Geopolitische Risiken verschärfen bestehende Konzentrationsrisiken. Banken sollten ihre Länder-, Branchen- und Einzelnamenkonzentrationen unter geopolitischen Gesichtspunkten neu bewerten und gegebenenfalls Limite anpassen.

Viertens: IFRS-9-Modelle anpassen. Aufsichtliche Bewertungen zeigen, dass einige Banken nach wie vor Mängel in ihren IFRS-9-Rahmenwerken aufweisen -- darunter willkürliche Overlays und eine unzureichende Risikoerfassung. Geopolitische Indikatoren sollten systematisch in die Forward-Looking-Komponente der Expected-Credit-Loss-Modelle einfließen.

Fünftens: Frühwarnsysteme etablieren. Geopolitische Risiken materialisieren sich oft schneller als klassische Konjunkturrisiken. Banken benötigen Frühwarnindikatoren, die geopolitische Entwicklungen zeitnah in die Kreditüberwachung einspeisen -- sei es über geopolitische Risikoindizes, Sanktionslisten-Monitoring oder eine systematische Auswertung von Länderrisiken.

Fazit: Von der Pflicht zur Chance

Die Integration geopolitischer Risiken in das Kreditrisikomanagement ist anspruchsvoll. Sie erfordert neue Daten, neue Modelle und vor allem ein neues Denken, das über die traditionelle Trennung von Markt-, Kredit- und operationellen Risiken hinausgeht.

Aber sie bietet auch eine Chance: Banken, die geopolitische Risiken frühzeitig und systematisch steuern, treffen bessere Kreditentscheidungen, vermeiden Klumpenrisiken und positionieren sich robuster für eine Welt, in der geopolitische Unsicherheit zum Normalzustand geworden ist.

Der EZB-Reverse-Stresstest 2026 ist dabei nicht nur eine regulatorische Pflichtübung, sondern eine Gelegenheit, die eigene Risikostrategie auf den Prüfstand zu stellen. Die Banken, die das als strategische Chance begreifen, werden langfristig die Gewinner sein.

Gutmark, Radtke & Company unterstützt Finanzinstitute bei der Integration geopolitischer Risiken in ihr Kreditrisikomanagement -- von der Szenarioentwicklung über die Vulnerabilitätsanalyse bis hin zur Anpassung von Risikomodellen. Sprechen Sie uns an.