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Der Go-Live des Integrated Reporting Framework (IReF) ist für das vierte Quartal 2029 geplant -- gefühlt also noch in weiter Ferne. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn die EZB hat Ende 2025 angekündigt, den detaillierten Implementierungsplan erst Mitte 2026 vorzulegen -- ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant. Die IReF-Verordnung selbst wird voraussichtlich erst Ende 2026 im Entwurf vorliegen. Für Banken bedeutet das: Ab dem Zeitpunkt, an dem die konkreten Anforderungen vollständig bekannt sind, bleiben nur noch rund zwei Jahre bis zur Pilotphase Ende 2028. Wer erst dann mit der Vorbereitung beginnt, wird diese Frist kaum einhalten können.
Das Integrated Reporting Framework ist die bislang ambitionierteste Initiative der EZB zur Neugestaltung des statistischen Meldewesens im Euroraum. In einem ersten Schritt sollen die vier zentralen statistischen Erhebungen -- die Kreditdatenstatistik (AnaCredit), die Statistik über Wertpapierinvestments (SHS), die monatliche Bilanzstatistik (BSI) und die MFI-Zinsstatistik (MIR) -- in einer einzigen, überschneidungsfreien Verordnung zusammengeführt und künftig auf hochgranularer Basis erhoben werden.
Der Paradigmenwechsel liegt darin, dass Banken künftig nicht mehr aggregierte Meldebögen einreichen, sondern granulare Einzeldaten liefern -- zu jedem einzelnen Kredit, jeder Wertpapierposition, jeder Einlage. Die Aggregation übernehmen dann die nationalen Zentralbanken und die EZB selbst. Das klingt nach Vereinfachung, erfordert aber einen fundamentalen Umbau der Datenhaltung, der IT-Systeme und der internen Prozesse.
Langfristig soll IReF die jährlichen Meldewesenkosten der europäischen Banken -- derzeit geschätzt auf rund 20 Milliarden Euro -- deutlich senken. In der Kosten-Nutzen-Analyse der EZB von 2021 bestätigten 68 Prozent der befragten Banken, dass die Vorteile die Investitionskosten überwiegen würden. Doch der Weg dorthin ist anspruchsvoll.
Die wichtigsten Meilensteine im Überblick:
Mitte 2026: Veröffentlichung des detaillierten Implementierungsplans durch die EZB. Dieser wurde ursprünglich für Ende 2025 erwartet, hat sich aber verschoben, weil die EZB bei der Konzeption mehr Sorgfalt walten lassen will, um spätere Nachbesserungen und versunkene Kosten zu vermeiden.
Ende 2026 / Anfang 2027: Erwartete Veröffentlichung des Entwurfs der IReF-Verordnung, gefolgt von einer öffentlichen Konsultationsphase.
Q4 2028: Beginn der einjährigen Pilotphase, in der Banken erstmals produktive Meldungen im neuen Format abgeben.
Q4 2029: Verbindlicher Go-Live -- ab diesem Zeitpunkt müssen alle Banken im Euroraum nach IReF melden.
Die Rechnung ist einfach: Wenn der Verordnungsentwurf Ende 2026 vorliegt, bleiben Banken knapp zwei Jahre bis zum Start der Pilotphase. In dieser Zeit müssen sie das BIRD-Datenmodell implementieren, ihre IT-Architektur umbauen, Datenqualitätsprozesse neu aufsetzen, Mitarbeitende schulen und die Schnittstellen zu nationalen Zentralbanken testen. Zwei Jahre sind dafür ambitioniert -- besonders für Institute, die heute noch keine granulare Datenlieferstrecke aufgebaut haben.
Erstens: Die Datenlücke ist größer als gedacht. IReF verlangt die Lieferung von Einzeldaten auf Geschäftsebene -- ähnlich wie bei AnaCredit, aber mit deutlich erweitertem Scope. Viele Banken haben zwar AnaCredit umgesetzt, jedoch oft als isolierte Lösung. Die Integration von BSI-, MIR- und SHS-Daten in ein einheitliches granulares Datenmodell erfordert eine grundlegend andere Datenarchitektur. Wer 2026 mit einer Gap-Analyse beginnt, gewinnt wertvolle Zeit für die Konzeption des Zielbilds.
Zweitens: Manuelle Korrekturen werden nicht mehr möglich sein. Heute korrigieren viele Banken ihre Meldungen am Ende der Prozesskette -- auf Meldebögen- oder Summenebene. Im granularen Modell funktioniert das nicht mehr. Abweichungen und Fehler müssen künftig an der Quelle korrigiert werden, also in den operativen Systemen. Das erfordert eine durchgängige Datenqualitätsstrategie und automatisierte Validierungsregeln entlang der gesamten Datenlieferstrecke.
Drittens: Die IT-Investitionen sind erheblich. Die zu verarbeitenden Datenvolumina steigen durch die Granularität massiv an. Bestehende Meldewesen-Plattformen, die auf aggregierte Templates ausgelegt sind, stoßen an ihre Grenzen. Banken müssen ihre Infrastruktur evaluieren und gegebenenfalls in leistungsfähigere Systeme investieren -- einschließlich Cloud-Lösungen für die Verarbeitung und Speicherung granularer Daten. Solche Investitionsentscheidungen brauchen Vorlauf.
Viertens: BIRD als strategischer Hebel. Das Banks’ Integrated Reporting Dictionary (BIRD) definiert ein standardisiertes, logisches Datenmodell, das sich weitgehend eins zu eins in die IReF Collection Layer überführen lässt. Banken, die sich frühzeitig mit BIRD auseinandersetzen, schaffen damit nicht nur die Grundlage für IReF, sondern auch für zukünftige regulatorische Anforderungen -- etwa eine mögliche spätere Integration von FinRep und CoRep in das Integrated Reporting System (IRS) der EBA.
Fünftens: Die Lehren aus AnaCredit. Die Einführung von AnaCredit war lehrreich -- aber nicht nur im positiven Sinne. Die Umsetzung erfolgte in fast jedem Euroland unterschiedlich, was die einheitliche Implementierung innerhalb grenzüberschreitender Bankengruppen erheblich erschwerte. IReF soll genau diese Fragmentierung beseitigen. Doch das funktioniert nur, wenn Banken diesmal von Anfang an auf ein kohärentes, konzernweites Datenmodell setzen, statt Insellösungen zu bauen.
Auch ohne den finalen Verordnungsentwurf können Banken bereits 2026 substanzielle Vorarbeiten leisten. Die folgenden Maßnahmen erfordern keine abschließende Kenntnis der finalen Anforderungen, schaffen aber die Voraussetzungen für eine effiziente Umsetzung:
Zielbild entwickeln: Ein bankweites Zielbild für das granulare Meldewesen, das die Dimensionen Daten, IT, Organisation, Personal und Steuerung umfasst, ist der Ausgangspunkt. Dieses Zielbild sollte nicht nur IReF adressieren, sondern auch die absehbare Konvergenz mit aufsichtlichen Meldeanforderungen berücksichtigen.
Gap-Analyse durchführen: Wo steht das Institut heute? Welche Daten liegen bereits in der erforderlichen Granularität vor, welche nicht? Wo gibt es Brüche in der Datenlieferstrecke? Die Gap-Analyse liefert die Grundlage für die Priorisierung der Arbeitspakete.
Datenqualität stärken: Eine robuste Data Governance wird unter IReF erfolgskritisch. Institute sollten jetzt beginnen, Datenverantwortlichkeiten klar zuzuordnen, automatisierte Validierungsregeln zu implementieren und die Abstimmung zwischen Hauptbuchdaten und granularen Daten systematisch zu verbessern.
IT-Architektur evaluieren: Kann die bestehende Meldewesen-Plattform die erwarteten Datenvolumina bewältigen? Unterstützt sie den BIRD-Standard? Sind Schnittstellen zu allen relevanten Quellsystemen vorhanden? Diese Fragen sollten 2026 beantwortet werden, damit Investitionsentscheidungen rechtzeitig fallen.
Kompetenz aufbauen: IReF verändert die Anforderungen an Meldewesen-Teams grundlegend. Statt Template-basierter Meldungserstellung rücken Datenmodellierung, Datenqualitätsmanagement und technische Kompetenz in den Vordergrund. Banken sollten frühzeitig in die Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeitenden investieren.
Das IReF ist kein Projekt, das man auf die lange Bank schieben kann. Die Verschiebung des Implementierungsplans auf Mitte 2026 mag auf den ersten Blick wie eine Atempause wirken -- tatsächlich komprimiert sie das Zeitfenster für die Umsetzung. Banken, die 2026 mit der strategischen Vorbereitung beginnen, verschaffen sich einen entscheidenden Vorsprung: Sie können ihre Datenarchitektur in Ruhe konzipieren, IT-Investitionen rechtzeitig planen und ihre Organisation auf den Paradigmenwechsel im Meldewesen vorbereiten.
Die Erfahrung zeigt, dass regulatorische Großprojekte in der Finanzbranche regelmäßig mehr Zeit kosten als geplant. Bei IReF kommt hinzu, dass der Übergang vom aggregierten zum granularen Meldewesen nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Veränderung darstellt. Wer diese Transformation als strategische Chance begreift -- und nicht als bloße Compliance-Pflicht --, wird langfristig von effizienteren Prozessen, besserer Datenqualität und niedrigeren Meldekosten profitieren.
Gutmark, Radtke & Company unterstützt Finanzinstitute bei der Vorbereitung auf das Integrated Reporting Framework -- von der Entwicklung des Zielbilds über die Gap-Analyse und IT-Evaluierung bis hin zur Konzeption und Umsetzung der Datenarchitektur. Sprechen Sie uns an.