7 Minuten Lesezeit
05 Mar
05Mar

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Während die EZB frühestens 2029 einen digitalen Euro ausgeben wird, schaffen neun europäische Großbanken bereits Fakten: Mit dem Konsortium "Qivalis" wollen sie bis Mitte 2026 einen MiCAR-konformen Euro-Stablecoin auf den Markt bringen. Gleichzeitig sind 99 Prozent aller offiziellen Stablecoins weltweit an den US-Dollar gebunden -- ein Ungleichgewicht, das EZB-Präsidentin Lagarde als strategisches Risiko für die europäische Währungssouveränität bezeichnet hat.

Für Banken stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob digitale Währungen kommen, sondern in welcher Rolle sie an dieser Transformation teilnehmen. Wer jetzt die Weichen stellt, kann Wettbewerbsvorteile aufbauen. Wer abwartet, riskiert, zentrale Wertschöpfungsbereiche an neue Player zu verlieren.

Drei digitale Währungswelten -- und warum sie alle relevant sind

Zunächst lohnt es sich, die drei parallelen Entwicklungen auseinanderzuhalten, die oft vermischt werden:

Stablecoins sind von privaten Emittenten herausgegebene Token, die an eine Referenzwährung gekoppelt sind. In der EU werden sie seit 2024 durch die MiCAR reguliert. Mit dem Bankenkonsortium Qivalis -- bestehend aus DekaBank, ING, UniCredit, BNP Paribas, Danske Bank und weiteren -- entsteht erstmals ein Euro-Stablecoin, der von etablierten Finanzinstituten emittiert wird und als On-Chain-Abwicklungsmedium für Wertpapiergeschäfte und grenzüberschreitende Zahlungen dienen soll.

Der digitale Euro (Retail-CBDC) ist das Projekt der EZB für eine digitale Zentralbankwährung für Endverbraucher. Nach Abschluss der Vorbereitungsphase im Oktober 2025 befindet sich das Projekt in der nächsten Phase. Das Europäische Parlament soll im Juni 2026 über die Rechtsgrundlage abstimmen; eine Pilotphase könnte 2027 beginnen, die Erstausgabe frühestens 2029. Geschäftsbanken würden den digitalen Euro verteilen und die kundennahen Services übernehmen.

Wholesale-CBDC und DLT-Settlement -- die EZB arbeitet mit der Plattform "Pontes" an einer Infrastruktur, die ab der zweiten Jahreshälfte 2026 das Settlement tokenisierter Finanzinstrumente in Zentralbankgeld ermöglichen soll. Dies ist besonders relevant für Kapitalmarktakteure.

Warum Abwarten keine Option ist

Die Dynamik ist beachtlich -- und die Risiken des Nichtstuns sind konkret:

Einlagensubstitution: Schätzungen zufolge könnten Stablecoins in großem Stil Bankeinlagen substituieren -- bis zu eine Billion US-Dollar an Liquidität gelten als gefährdet. Wenn Firmenkunden und institutionelle Anleger für Treasury-Management und grenzüberschreitende Zahlungen auf Stablecoins umsteigen, schrumpft die Einlagenbasis.

Margenerosion im Zahlungsverkehr: Stablecoin-basierte Transaktionen sind schneller, günstiger und rund um die Uhr verfügbar. Das betrifft vor allem das margenstarke Provisions- und Devisengeschäft bei grenzüberschreitenden Zahlungen -- ein Bereich, in dem europäische Banken heute signifikante Erträge erwirtschaften.

Disintermediation: In einer tokenisierten Welt können Wertpapieremission, Settlement und Zahlungsabwicklung in einem einzigen, automatisierten Prozess stattfinden. Wenn Banken hier keine Rolle einnehmen, übernehmen Fintechs, Krypto-Börsen oder Tech-Konzerne diese Funktion.

Regulatorisches Fenster: Die MiCAR ist seit 2024 in Kraft, der GENIUS Act in den USA schafft einen Rahmen für bankemittierte Stablecoins, und die Bank of England will bis Ende 2026 finale Regeln für systemische Stablecoins vorlegen. Die regulatorischen Leitplanken stehen -- jetzt gilt es, sie zu nutzen.

Fünf Handlungsfelder für Banken

Banken sollten jetzt ihre strategische Positionierung im Ökosystem digitaler Währungen definieren. Fünf Handlungsfelder sind dabei entscheidend:

Erstens: Die eigene Rolle im Stablecoin-Ökosystem definieren. Banken können als Emittent, Verwahrer, Abwickler oder Distributionspartner agieren. Nicht jede Bank muss einen eigenen Stablecoin emittieren -- aber jede sollte wissen, welche Rolle sie spielen will. Das Qivalis-Konsortium zeigt, dass auch ein Konsortialmodell funktioniert, das Kosten und Risiken verteilt.

Zweitens: Tokenisierte Einlagen als strategische Antwort prüfen. Tokenisierte Einlagen verbinden die Vorteile der Blockchain-Technologie -- Programmierbarkeit, Echtzeitabwicklung, Interoperabilität -- mit dem regulatorischen Schutz klassischer Bankeinlagen. Die Deutsche Bank, J.P. Morgan und Citibank zählen zu den Vorreitern. Für europäische Institute bieten tokenisierte Einlagen eine Möglichkeit, Kunden im eigenen Ökosystem zu halten und gleichzeitig neue Use Cases zu erschließen.

Drittens: DLT-Kompetenz aufbauen und Infrastruktur vorbereiten. Die EZB-Plattform Pontes, das DLT-Pilotregime der EU und die wachsende Zahl regulierter DLT-Handelsplätze schaffen eine Infrastruktur, die Banken nutzen können -- wenn sie die technischen Voraussetzungen mitbringen. Das bedeutet: DLT-Know-how in IT und Operations aufbauen, Schnittstellen zu bestehenden Kernbankensystemen konzipieren und die Interoperabilität mit TARGET-Services sicherstellen.

Viertens: Use Cases identifizieren und pilotieren. Statt auf das fertige Ökosystem zu warten, sollten Banken gezielt Pilotprojekte starten. Vielversprechende Use Cases sind grenzüberschreitende Firmenkunden-Zahlungen, bei denen Stablecoins Geschwindigkeit und Kosten dramatisch verbessern können; das Settlement tokenisierter Wertpapiere über Delivery-versus-Payment auf DLT-Basis; programmierbare Zahlungen für Supply-Chain-Finance und Trade Finance; sowie Treasury-Management mit tokenisierten Geldmarktinstrumenten.

Fünftens: Regulatorische Entwicklungen aktiv begleiten. Die EU-Abstimmung über den digitalen Euro im Juni 2026, die laufende Diskussion über MiCAR 2.0 und die Ausgestaltung der Haltelimits für den digitalen Euro (diskutiert werden 3.000 bis 5.000 Euro) werden die Wettbewerbsbedingungen maßgeblich prägen. Banken, die sich frühzeitig in die regulatorische Debatte einbringen, können die Rahmenbedingungen mitgestalten -- insbesondere bei Fragen der Einlagensicherung, Interoperabilität und Wettbewerbsneutralität.

Fazit: Das Zeitfenster ist jetzt

Das Jahr 2026 ist ein Wendepunkt. Mit Qivalis kommt der erste bankemittierte Euro-Stablecoin auf den Markt, die EU stimmt über den digitalen Euro ab, und die EZB-Plattform Pontes soll das erste Settlement in digitaler Zentralbankwährung ermöglichen.

Banken, die heute ihre Stablecoin- und CBDC-Strategie definieren, DLT-Kompetenz aufbauen und erste Use Cases pilotieren, werden in der tokenisierten Finanzwelt von morgen eine zentrale Rolle spielen. Wer diese Entwicklungen als reine IT-Projekte behandelt oder auf den fertigen regulatorischen Rahmen wartet, wird feststellen, dass andere die Positionen bereits besetzt haben.

Die strategische Frage lautet nicht: Digitaler Euro oder Stablecoin? Die Antwort ist: Beides -- und Banken müssen in beiden Welten handlungsfähig sein.


Gutmark, Radtke & Company unterstützt Finanzinstitute bei der strategischen Positionierung im Ökosystem digitaler Währungen -- von der Strategieentwicklung über die Bewertung regulatorischer Anforderungen bis hin zur Konzeption und Umsetzung von Pilotprojekten. Sprechen Sie uns an.